Rügen: Kreide mit Meerblick

Die Natur ist der größte Baumeister. Doch manchmal geht sie mit ihren Schöpfungen etwas rüde um, so wie auf Rügen, wo Zinnen aus der berühmten Kreideküste brachen und in die Ostsee stürzten. Es traf eine der markantesten Felsformationen der Insel, die „Wissower Klinken“ zwischen Sassnitz und dem höchsten Punkt der Kreideküste, dem 119 Meter hohen Königsstuhl. Nicht aber – und das ist die gute Nachricht – die berühmte Kreidesilhouette, die Caspar David Friedrich vor fast 200 Jahren zu seinem Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ (1816) inspirierte. Der liegt nämlich an der Victoria-Sicht mit Blick auf den Königsstuhl und ist weiterhin ungefährdet zugänglich. Wie überhaupt der gesamte Hochufer-Wanderweg nicht gelitten hat.

Ruegen Kreidekueste

Spektakulär: Rügens Kreidefelsen

Für den, der der Kreide nachspüren will, bieten sich mehrere Erkundungstouren an. Die „jäh abstürzenden Kreideklippen“ – so beschrieb sie der äußerst bewegte Arzt, Philosoph und Maler Carl Gustav Carus, ein Schüler Friedrichs – kann man in beinahe poetisch geführter Wanderung von Sassnitz aus bis Lohme durch die Stubnitz, ein geschlossenes Waldgebiet, genießen.
„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“ Und „Tod ist nur ein Kunstgriff der Natur, um möglichst viel Leben zu erhalten“, zitiert die begleitende Dame aus der Literatur. Na, da sieht man doch den verwilderten Wald gleich mit anderen Augen.   

Ruegen Kleiner Koenigsstuhl

„Kleiner Königsstuhl“ sich spiegelnd im See in Neddesitz

Gerhart Hauptmann hatte es das am Ende des Nationalparks Jasmund liegende Lohme angetan, das anno 2005 150 Jahre Seebad feierte: „Ja, wer da flieht dem Lärm der Welt,/ wer Ruhe für das Beste hält,/ wer – wenn er durch die Wälder streift –/ die Schönheit der Natur begreift,/ wer – wenn die Sonne untergeht –/ auf hohen Ufern träumend steht,/ der hat gewiß in solchen Stunden -/ was er in Lohme sucht – gefunden.“
Spektakulär „auf hohen Ufern“, 60 Meter über dem Kliff, verführt das Panorama Silence Hotel zum Verweilen und zum Speisen auf der Fontane-Veranda (www.lohme.com). Bei Ortsstudien für „Effi Briest“ hatte Theodor Fontane die romantische Idylle des damals 130 Seelen zählenden Dorfes mit dem italienischen Sorrent verglichen und die Sonnenuntergänge mit denen bei Capri.

Leuchtturm

Steil abfallend vom Kap Arkona und Peilturm

Nichtwanderer steigen am Parkplatz in Hagen in einen Pendelbus um, mit dem sie die Aussichtsplattform Victoria-Sicht erreichen. Weitere wie die Ernst-Moritz-Arndt-Sicht, Kleine Stubbenkammer, Kreidekomplex Lenzer Bach, Kieler Bach und Kieler Ufer muss man erwandern. Dort angekommen, sollte man über die Holztreppen auch zum Geröllstrand laufen.
Oder man mietet eine Cessna – wahlweise mit drei oder sechs Sitzen – und startet vom Flugplatz Güttin bei Bergen aus zu einem Rundflug: Weiße Schaumkronen auf türkis und azurblau schillerndem Meer wetteifern mit dem Weiß der sich lang hinziehenden, steil abfallenden Kreideküste. Dazwischen der Königsstuhl – in der Tat ein Maler-Motiv.

Als Highlight entpuppt sich das neue Nationalpark-Zentrum Jasmund. Über Kopfhörer kommen die Informationen zur „Erlebnisreise durch die Natur“ mit Exponaten zum Anfassen, Hören und Ausprobieren. Wer sich unter den aufgehängten Findling legt, kann vier Tonnen Stein bewegen!

Ruegen Kap Arkona Leuchttuerme

Am Kap Arkona einträchtig nebeneinander: Kantiger Schinkelleuchtturm von 1827, heute mit Standesamt, und der schlanke hohe mit roter Haube, der ihn 1902 ablöste.

Eine andere, nicht minder schöne Steilküste zeigt sich am Kap Arkona auf der Halbinsel Wittow, die Autofahrer über die schmale Landzunge Schaabe erreichen. In Putgarten müssen sie das Auto parken, damit die Arkona-Bahn sie zu Rügens nördlichstem Punkt bringt. Hat man die beiden Leuchttürme, den eckigen des Baumeisters Schinkel von 1827 und den schlanken hohen mit roter Haube, der ihn 1902 ablöste, erklommen und die Weite der Landschaft in sich aufgesogen, sollte man auch hier die nicht enden wollenden Holzstufen hinabsteigen zu schroffen Klippen, rauem Meer und einer Menge Feuersteine. Fossilien findet man ebenfalls, vor allem Seeigel und die braunen zylindrischen „Donnerkeile“, das sind Reste ausgestorbener Tintenfische. Und Bernstein, so man denn findet!

Ruegen Kapelle Vitt

Schneeweiß glitzert die Uferkapelle beim Fischerdorf Vitt

 

 

 

 

 

 

 

Wieder oben angelangt, nimmt man den Hochuferweg ins Fischernest Vitt, vorbei am 1927 errichteten ehemaligen Funkpeilturm der Kriegsmarine und einem zehn Meter hohen Erdwall, Rest der slawischen Jaromarsburg. Bei der achteckigen schneeweißen Uferkapelle beginnt der Hohlweg, der in das von der Unesco als Flächendenkmal ausgezeichnete Fischerdorf führt: geduckte Häuser mit herunter gezogenen Rohrdächern und einem romantischen Blick auf Steilküste und Peilturm. Von Vitt aus bringt einen das Bähnle wieder zum Parkplatz.

Bei Sassnitz wird die Kreide im Tagebau abgebaut. Sassnitz mit schicker Promenade und neuem Stadt-Hafen strahlt maritimes Flair aus. Von hier starten Ausflugsschiffe, die eine perfekte und lang andauernde Sicht auf die Kreideklippen bieten.
Von der Seeseite lässt sich Rügen eben auch entdecken: Mit 574 Kilometer Küste, den Halbinseln Mönchgut, Jasmund, Wittow, Pulitz und Zudar, den Schwesterinseln Hiddensee, Ummanz und Vilm, mit 20 Häfen, verträumte Fischerhäfen, moderne Marinas und internationale Fähranleger, sowie den Bodden und Wieken haben die Touristiker allen Grund, den „Archipel“ Rügen auch als maritime Urlaubslandschaft zu preisen.
Aufgetauchte alte Wracks wie die Gellenkogge von 1330 – Hunderte sollen noch in sieben bis neun Meter Tiefe vor Rügen liegen – sind in Sassnitz im Museum für Unterwasserarchäologie zu begutachten.

Eher beklemmend ist der Einstieg in das nebenan im Hafen verankerte britische U-Boot „H.M.S. Otus“ der „Oberon-Class“, das mit 68 Mann vor den Falklandinseln und im Persischen Golf im Einsatz war und 1991 ausgemustert wurde.
Eine rasante Rutschpartie im Spaßbad „Nemo“ in Sellin und eine gemütliche Fahrt mit dem „Rasenden Roland“, der 110 Jahre alten Rügenschen Kleinbahn, bringen den Kreislauf wieder in Takt.

„Unsere Rügenkreide ist sehr anhänglich, so dass Sie auch nach dem Abduschen noch was mit heim nehmen.“ Nicht nur das Cliff-Hotel in Sellin – eine Besonderheit ist hier der Lift zum Strand, den noch Erich Honecker bauen ließ – zelebriert die Schlemmkreide: Am ganzen Körper eingerieben mit dem weißen Brei schwitzt man 20 Minuten im „Serail“dampfbad oder schwerelos auf einem Wasserbett. Die 69 Millionen Jahre alte Meeresablagerung, vom Deutschen Bäderverband als Heilmittel anerkannt, soll gegen rheumatische Erkrankungen helfen, zumindest aber entspannend wirken.
Im Precise Resort Rügen, ehemals Jasmar Resort Rügen, in Neddesitz bei Sagard wohnt man hautnah an der Kreide. Am Hotel nämlich beginnt der „Kreide- und Naturlehrpfad Gummanz“, der einen Kreidebruch und den Abbau in einem Freilichtmuseum, aber auch Flora und Fauna erlebbar macht. Wer kennt denn den „Kleinen Wiesenknopf“, den „Steifen Augentrost“ und die „Wilde Vogelbeere“? Romantisch im See spiegelt sich ein Kreidefelsen, „Kleiner Königsstuhl“ genannt. Zum Hotel, 1998 um ein Gutshaus im Jugendstil aus dem Jahre 1901 gebaut, gehört die „Jasmar-Therme“, ein Funpark, der sich durch eine 1000 qm große wohlig warme Bade- und Saunalandschaft innen und außen sowie Beauty- und Wellness-Bereich hervortut.

 

Mit dem Kaiser-Pavillon, in dem sich fürstlich speisen und heiraten lässt, ist die Seebrücke die Attraktion von Sellin.

Über 20 Hotels, vornehmlich in den Ostseebädern Binz und Sellin, den „Metropolen“ der weißen Bäderarchitektur mit gedrechselten Holzveranden, nutzen die Kreide für die Schönheit und bei Hautproblemen. Sieben Hotels sind vom Deutschen Wellness-Verband (DWV) zertifiziert, darunter „Cliff-Hotel“ und „Hotel Ambiance“ in Sellin – das ist der Ort mit der schönen Seebrücke und dem „Kaiser-Pavillon“, in dem man auch heiraten kann –, sowie „Hotel meerSinn“ in Binz, dessen Restaurant „meerSalz“ eine Gault-Millau-Haube auszeichnet. Auf jeden Fall hilft die Kreide, wie Übernachtungszahlen von 30 Prozent plus im Winter beweisen, den Wellness-Tourismus in die Höhe zu treiben.

Sogar auf der Halbinsel Mönchgut mit Klein Zicker als südlichstem und Nordperd als östlichstem Punkt von Rügen sowie den „Zickerchen Alpen“, immerhin 60 Meter hoch!,  erblickt man einen Kreidefelsen. Seeluft macht hungrig, und die Mönchguter Küche offeriert Ungewöhnliches. Sie liebt das Süßsauersalzige und tischt Hornhecht mit heißem Rhabarber auf und Speckflunder auf heißen Stachelbeeren.

Nördlich von Prora, der mit 4,5 Kilometer längsten Immobilie der Welt, als „KdF-Seebad der Zwanzigtausend“ 1936 unter Hitler als Ferienheim für deutsche Arbeiter am schönsten Strand Rügens erbaut und heute zum Teil Museum und Block 5 seit 2011 Jugendherberge, breiten sich im Binnenland nach 20 Minuten Fußweg vom Parkplatz – nein, keine Kreidefelsen, aber Feuerstein-Felder ungeheurer Dimensionen aus. Ganz gleich, ob Wissenschaftler rätseln, wer sie hierher schaffte, jeder Besucher sollte in der Steinmasse einen Hühnerstein suchen – das sind die mit einem durchgehenden Loch. Sieht man durch die Öffnung den Himmel, geht jeder Wunsch in Erfüllung.

 

Insel Rügen

Rügen, Deutschland

 

Infos:
www.ruegen.de
Anreise:
Dank guter DB-Verbindungen und Bus- und Bahnanschluss auf Rügen auch für Nichtautofahrer machbar.
Unterkunft:
Grand Hotel Binz
grandhotelbinz@aol.com
www.grandhotelbinz.de

Fotos:
Elke Backert

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