Sylt, die Insel ganz oben

Sylt
Trotz steten Eingriffs durch den Menschen, den Küstenschutz zu sichern, hat die Insel ganz oben nichts von ihrem Charme eingebüßt. Sie ist so bekannt, dass sie einfach „die Insel“ heißt: Sylt, auch „Königin der Nordsee“ genannt. Für viele Fans ist neben Kampen die Inselmetropole Westerland gleichbedeutend mit Sylt. Die „Whiskystraße“ in Kampen, offiziell Strön`wai, Strandweg, von „Gogärtchen“ bis „Rauchfang“ macht ihrem Namen alle Ehre. Doch nur zwei Prozent der Gäste sähen den Ort als Bühne, meinte einmal ein Kampener Bürgermeister. Immerhin findet man weder in Paris noch in New York alle namhaften Designer so dicht beieinander wie in Kampen.  

Die Insel Sylt, berühmt und berüchtigt als Insel der Reichen und Schönen, zog schon um 1855 Gäste in ihren Bann, nachdem König Friedrich VII., Herzog von Schleswig, Holstein und Lauenburg, dem Ort Westerland die Badekonzession erteilt hatte. Als 1894 ein Berliner Hotelier den ersten Strandkarren aufstellte, begann die Zeit der „Badegäste“. In den 20er Jahren waren so berühmte da wie Thomas Mann, Emil Nolde, Zuckmayer, angelockt vom Licht, dem hohen Himmel und einer besonderen Farbintensität.

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Das berühmte Rote Kliff, eine etwa 30 Meter hohe Steilküste zwischen den Orten Wenningstedt und Kampen

Gut 100 Jahre ist es her, dass Westerland auf Sylt durch kaiserlichen Erlass Stadtrecht erhielt. Gut 150 Jahre sind vergangen, seit die ersten Westerländer Kurkarten ausgegeben wurden. Denn zur Benutzung der Umkleidezelte mussten „Badekarten“ gelöst werden. Somit gilt 1855 als Gründungsjahr für das Nordseebad. Ihre Anerkennung als Heilbad erhielt die Stadt 1949.

Erst als der 11,2 Kilometer lange Eisenbahndamm gebaut wurde und die Insel mit dem Festland verband, reisten Urlauber in Scharen an. Der damalige Reichspräsident Paul von Hindenburg weihte den Damm am 1. Juni 1927 ein. Am 1. April 1930 ist das erste Auto auf dem Autoreisezug mitgefahren. Eine der ersten Strecken war Hamburg-Lörrach. Das hat damals noch 33 Stunden gedauert.
Unter dem Motto „Auto an Bord, mobil vor Ort“ nehmen heute Einstock- und Doppelstockwaggons des DB AutoZug SyltShuttle in Niebüll Fahrzeuge samt Insassen huckepack und bringen sie in 35 Minuten nach Westerland. Schon die Anreise ist einzigartig in der Welt, auf der einen Seite die Brandung, auf der anderen das Wattenmeer. Dank innovativer Chipkarte statt Papierticket und ExpressCheckIn können in einer Stunde über 320 Fahrzeuge verladen werden.

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Ein typisches Friesenhaus zeichnet sich durch ein tief heruntergezogenes Reetdach aus. Der Giebel befindet sich in der Mitte des Hauses, so dass bei Feuer der Fluchtweg frei bleibt.

Die von 1913 stammende Gestaltungssatzung des Ortes Kampen gilt bis heute: kein Haus höher als acht Meter, Abstand zur Grundstücksgrenze zwölf Meter. Sprossenfenster sind Pflicht, dürfen aber nicht mehr als 40 Prozent der gesamten Hauswand einnehmen. Und jeder Villa ihr Reetdach. Reet wächst zwar vor der Haustür, reicht aber nicht aus und wird aus Ungarn importiert.

Für den Busverkehr gesperrt, wurde der älteste Ort Sylts, wegen seines alten Baumbestands auch das „grüne Herz der Insel“ genannt, autofrei. 36 teils 300 Jahre alte Häuser stehen in Keitum unter Denkmalschutz. In der berühmten St.-Severin-Kirche (um 1200) können das ganze Jahr über jeden Mittwoch, stilvoll bei Kerzenschein, bis zu 500 Gäste Konzerten lauschen. Die Kurtaxe von Keitum ist günstig und berechtigt dennoch zum Aufsuchen des breiten Strands von Westerland.

Sylt Wattenmeer Nationalpark

Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer

Denn Keitum liegt am Wattenmeer. Das aber hat seinen speziellen Reiz. Die Anfragen nach Wattwanderungen, so der Umweltschutzbeauftragte, seien kaum noch zu bewältigen. Eine Forke ist mit dabei, wenn es ums Ausbuddeln des Borstenwurms geht, der so wundersame Häufchen auf dem Schlick absetzt, obwohl er 20 Zentimeter tief lebt. Die Moostierchenkolonie, nur unter der Lupe als solche erkennbar, ähnelt eher einem Farn. Das grüne glitschige Etwas entpuppt sich als Eipaket eines Blattwurms. Und Rotschenkel und Schnepfen warten dort, wo das Watt trockenfällt, auf den Borstenwurm, wenn er denn den Schlick schlucken will.

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Der Leuchtturm von Hörnum an der Südspitze der Insel

Wer nur einmal um die Südspitze der Insel bei Hörnum wandert, findet Muscheln und Variationen von Austernschalen, teils fossil besetzt vom Dreikantröhrenwurm und filigran ziseliert vom Bohrschwamm. Und am Flutsaum dringt das heilende jodreiche Aerosol in Bronchien und Lunge. „Man kann sich gar nicht dagegen wehren, gesund zu werden und es zu bleiben“, schwärmen die Insulaner. Von der freien Nordsee bläst einem der stetige Westwind die sauberste, weil schadstofffreie und allergenarme Luft ins Gesicht. Nachhelfen lässt sich durch Anwendungen im Kurmittelhaus, etwa mit Schlickpackungen, Inhalationen, Bewegungsbädern, die den ganzen Körper rundum fit machen.

Sylt, Friesenbarock

Der Sylter Baustil wird auch gern als Friesenbarock betitelt

Als 1968 der „Fauchende Elias“ aus den Gleisen gehoben wurde, baute man die Trasse der Inselbahn als Radweg aus. So lassen sich die 38 Kilometer von der Südspitze in Hörnum bis zum Lister Ellenborgen erradeln. Dass die Tetrapoden vor Westerland, als Küstenschutz verankert, beim Sonnenbad als Windschutz und zum Klettern benutzt werden, leuchtet ein, dass aber die Gäste die 1,2 Kilometer lange und 20 Meter hohe Wanderdüne bei List wörtlich nehmen, bringt den Kurdirektor von Sylt-Ost in Rage. Denn die Auskolkung, die beim Zertrampeln des Bewuchses entsteht, ist irreparabel.

Austern

Sylter Austern gelten Kennern als besonders schmackhaft

 

In den Dünen von List und am Königshafen ist Einsamkeit angesagt, bei „Gosch“, der nördlichsten Fischbude Deutschlands, tummeln sich die Freunde einer leckeren Fischmahlzeit zuhauf.
Dann müssen noch die „Sylter Welle“, das Schwimm- und Saunabad Westerlands,  und die „Sylt Quelle“ erwähnt werden. Letztere ein besonders jodhaltiges Mineralwasser, in Rantum, am Rande des größten Vogelschutzgebiets Norddeutschlands, erbohrt, kann man kistenweise nach Hause tragen und in ganz Deutschland kaufen. Der lichte 16-eckige Glasbau der „Sylt Quelle“ kann aber auch für Veranstaltungen aller Art gemietet werden.

 

Insel Sylt

Sylt, Deutschland

 

Infos:
www.sylt.de

Fotos:
Elke Backert

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